Johannes

Schmerz lass nach!

Jeder kennt sie und niemand kann ihnen entfliehen – den Schmerzen. Ob beim Zahnarzt, nach einer Schnittverletzung beim Gemüseschneiden oder einem Stolperer auf der Treppe – es gibt genug Momente in unserem Leben, in denen uns die Schmerzen überrumpeln.

Ich kann ein Lied davon singen, denn ich stecke gerade mittendrin: seit einigen Tagen habe ich starke Rückenschmerzen, so dass ich kaum laufen und sitzen kann. Irgendwie habe ich mich verhoben. Eine falsche Haltung und zack – haben sie mich ereilt die Rückenschmerzen. Seitdem sind sie ständig da, schreien nach meiner Aufmerksamkeit und erobern nach und nach immer mehr Körperpartien, da ich mich in krummer Schonhaltung versuche, von einem Fleck zum nächsten zu kämpfen.

Schmerzen sind etwas ganz Unliebsames und Unerwünschtes, denn sie können uns so richtig die Laune vermiesen. Sie ziehen ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich und verbraten unsere restliche Geduld und Energie. Und wenn das noch nicht genug ist, machen sie uns auch noch Angst, versetzen uns in Sorge über die Zukunft und die Gedanken kreisen sich immer wieder um sie. Ganz schön egozentrisch diese Schmerzen, oder? Und dabei ist ein Wunsch besonders stark: die Schmerzen so schnell wie möglich wieder loszuwerden, oder sie zumindest irgendwie zu lindern.

Schmerzmittel, Beruhigungsmittel, Verdrängung, Leugnen, Wut – es gibt verschiedene Strategien, um gegen sie anzukämpfen, manche bewusst, manche eher unbewusst. Die Versuchung ist groß für mich, zur Schmerztablette zu greifen, um die Schmerzen zu betäuben und endlich Ruhe zu haben. Und immer wieder zögere ich und lass davon ab. Wie schnell greifen wir zu einem Hilfsmittelchen, um das Kind zu betäuben, das in uns nach Zuwendung und Liebe schreit – und dann nicht bekommt. Wir müssen immer funktionieren, da haben unangenehme Erfahrungen keinen Platz in unserem Leben.

Schmerzen haben ihren Sinn – sie geben uns eine klare Orientierung, was gut für uns ist und was nicht. Schmerzen im unteren Rücken signalisieren uns, dass wir irgendetwas gemacht haben, was unserem Körper nicht gut tut und diesen Bereich nun erstmal so gut wie möglich schonen sollten. Das ist ein überlebenswichtiges Werkzeug unseres Körpers, um auf sich aufmerksam zu machen. „Stopp, jetzt nicht weiter!“, will er uns sagen. Und dieser wichtige Zugang zu unserem Körper und unseren Körperwahrnehmungen ist uns leider größtenteils abhandengekommen. Mit verschiedenen Achtsamkeitsübungen lernen wir, das Bewusstsein für unseren Körper wiederzuerlangen. Unserem Körper wieder zuzuhören. Und gerade dann aufmerksam zu werden, wenn wir unseren Körper an seine Grenzen bringen und darüber hinausgehen.

In der angeleiteten Yogaübungsreihe in der dritten Woche des achtwöchigen MBSR-Kurses geht es genau darum: zu erfahren, wie sich diese Grenzen im Körper anfühlen und ein besseres Gespür dafür zu bekommen. Dabei bemerken wir schnell, wie wir damit umgehen, wenn wir und diesen Grenzen in einer Körperhaltung annähern, sei es durch die Verstärkung der Dehnung oder der Anspannung der Muskeln. Es gibt solche Menschen unter uns, die eher zögerlich und zurückhaltend sind und immer einen kleinen Puffer zu ihren Grenzen lassen (ich zähle mich eher in diese Kategorie). Und solche, die etwas zu ambitioniert sind und gerne in die Grenzen hineingehen – und eben auch darüber hinaus. Das ist nicht schwarz und weiß zu sehen, aber trotzdem neigen die einen tendenziell eher zur ersten Kategorie und die anderen eher zur zweiten. Das über sich zu erfahren und herauszufinden, ist ein spannender Prozess und kann uns viel über uns selbst verraten.

Sag doch mal, welcher Typ du eher bist? Wie gehst du mit deinen Grenzen um? Gibt es in deinem Leben Situationen, in denen du öfter mal über deine Grenzen hinaus gehst? Und in welchen Situationen bist du noch weiter von deinen Grenzen entfernt?

Dein Johannes


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