Johannes Wolf

Wer sitzt eigentlich am Steuer?

Unser Morgen läuft eigentlich immer gleich ab: der Wecker klingelt, ich (Johannes) döse noch einige Minuten weiter, stehe auf, ziehe mich an. Dann alle Fenster in der Wohnung aufreißen. Dabei fast über ein Kätzchen stolpern. Die gewohnte Badroutine. Weiter geht’s in die Küche, ordentlich Wasser trinken, Wasser aufkochen, Tee aufgießen. Yogamatte ausrollen. Den ganzen Körper ordentlich durchkneten. Dann auf das Meditationskissen setzen, Augen zu und: Stille.

Zumindest in der Wohnung, da nun niemand mehr raschelt und klappert. In meinem Kopf sieht das ganz anders aus: da läuft ein wirrer Film ab mit sprunghaft wechselnden Szenen, bizarren Charakteren, sich ständig wiederholenden Passagen, eine Szene jagt die andere und … ein Ende ist nicht in Sicht. Man könnte die Kinos dauerhaft bespielen mit diesen Endloskrimis, aber ich vermute, dass sich diese nur schlecht verkaufen würden.

Aber dann ein ganz besonderer Moment: der Augenblick, in dem ich bemerke, dass ein krasser Film in meinem Kopf abläuft. Ein kurzes Aufhorchen inmitten der Gedankenflut. Dann wundere ich mich manchmal, wie ich eigentlich von meinem Bett auf dieses Kissen gekommen bin und was bis dahin passiert ist? Habe ich überhaupt mein Gesicht gewaschen? Habe ich die Fenster im Schlafzimmer wieder geschlossen? Immer wieder bin ich baff darüber, wie ich Teile meines Lebens einfach wie von einem intelligenten Programm gesteuert werde (also intelligent im Sinne von: dass es mich nicht gegen Fenster rennen lässt wie Wespen oder mich halbwegs unversehrt die Treppen herunterbringt), beinahe maschinenhaft, unbewusst, vernebelt, verträumt, abwesend. Geistig im Nirgendwo.

Die Leiterin des MBSR-Kurses, den ich vor über zwei Jahren besuchte, stellte in dem Zusammenhang immer wieder die Frage: Who is driving the bus? Wer sitzt eigentlich am Steuer? Hm eine ganz treffende Frage, an die ich mich besonders in solchen Momenten erinnere. Wer ist das denn, der mich da durch den Morgen trägt, mich aus dem Bett ins Bad steuert, ohne dass „ich“ etwas davon mitkriege? Das ist der gute alte Autopilot (bzw. die Autopilotin), so wird „er“ zumindest im MBSR-Kontext gern genannt. Das ist der, der meine ganzen Gewohnheiten eingespeichert hat wie auf einer Festplatte und diese in bestimmten Momenten des Tages abspielt, im Sinne von: Gesicht ist gewaschen – check. Also nächstes Programm: Zähneputzen. Zähneputzen fertig – check. Bewegung in die Küche und einer Katze im Weg ausweichen – check. Und im Kopf dudelt pausenlos das Gedankenradio vor sich hin.

In der ersten Woche des MBSR-Kurses geht es genau um diesen Autopiloten und wie selten wir eigentlich im gegenwärtigen Moment mit all unseren Sinnen präsent sind. Im weiteren Verlauf des MBSR-Kurses lernen wir, uns dies im Laufe des Tages immer wieder bewusst zu machen. Und lernen in kleinen Schritten, sensibler zu werden für diese tief verwurzelten, automatisch ablaufenden Programme und Gedankenmuster. Nach und nach gibt es mehr Momente im Alltag, in denen wir unserer selbst gewahr werden, aufwachen und uns erinnern: daran, dass wir in jedem Moment aus diesem Autopiloten aussteigen können – und welche innere Freiheit und Unabhängigkeit damit verbunden ist. Dieses Aufwachen aus der pausenlosen Trance ist ein zutiefst wundersames Phänomen, in dem uns klar wird, wie viel wir eigentlich verpassen und wie viel das Leben bereit hält für uns.

Genau das treibt mich an, mich jeden Morgen auf mein Kissen zu setzen und die Augen zu schließen – und mir innerlich die Augen öffnet, wie direkt ich mit dem jetzigen Augenblick im Kontakt sein kann – mit meinem Körper, Gedanken und Gefühlen. Um nach 20 Minuten aufzustehen und mich wieder vom Autopiloten führen zu lassen – aber diesmal gibt es ein paar Augenblicke mehr, an denen ich selbst das Steuer in die Hand nehme und bewusst entscheide, wohin die Reise geht.

Dein Johannes


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